Der Arzttermin, den du seit Wochen vereinbaren willst. Die Steuererklärung. Der Anruf bei deiner Mutter, über den ihr eigentlich reden müsstet. Die Kiste im Keller, die du schon dreimal ausmisten wolltest.
Jeden Morgen nimmst du dir vor: Heute mache ich das. Und jeden Abend hast du alles Mögliche erledigt. Nur das eine nicht.
Irgendwann kommt der Satz: Ich bin einfach zu faul.
Ich glaube, so einfach ist es selten.
Aufschieben oder Prokrastination?
Jeder Mensch schiebt manchmal etwas auf. Das ist normal und oft sogar vernünftig: Nicht alles ist gleich dringend.
Die Prokrastinationsambulanz der Universität Münster, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt, spricht von Prokrastination erst dann, wenn das Aufschieben zu einer ernsthaften Belastung wird. Wenn wichtige Dinge dauerhaft liegen bleiben, obwohl du sie erledigen willst, und du darunter leidest.
Wer nur bestimmte Dinge aufschiebt, ist selten faul. Meistens haben diese Dinge etwas gemeinsam.
Die Ursachen sind vielfältig
Bevor wir zur Kindheit kommen, ist mir eines wichtig: Prokrastination hat nicht die eine Ursache. Die Prokrastinationsambulanz nennt unter anderem:
Planung: Aufgaben werden unrealistisch eingeschätzt, zu groß oder zu ungenau geplant.
Persönliche Faktoren: zum Beispiel Schwierigkeiten mit der Konzentration, Versagensangst oder Perfektionismus.
Die Situation: fehlende Fristen, offene und komplexe Aufgaben, ständige Ablenkung durch das Handy.
Psychische Erkrankungen: Prokrastination kann auch Teil einer Depression oder einer ADHS sein.
Manchmal ist eine Aufgabe also einfach unklar, zu groß oder schlecht geplant. Dann helfen Struktur und kleinere Schritte, und du brauchst keinen Blick in die Vergangenheit.
Wo die Kindheit eine Rolle spielen kann
Interessant wird es, wenn du merkst: Es sind immer ähnliche Dinge, die liegen bleiben. Und gute Planung allein ändert daran wenig.
Dann kann es sich lohnen zu fragen, was diese Aufgaben in dir auslösen. In meinem Grundlagenartikel „Immer funktionieren oder gar nicht anfangen“ beschreibe ich vier Blickwinkel. Beim Aufschieben begegnen mir drei davon besonders oft:
Leistung: Wenn du als Kind erlebt hast, dass Anerkennung vor allem an Ergebnisse geknüpft war, kann eine wichtige Aufgabe sich wie eine Prüfung anfühlen. Solange du nicht anfängst, kann niemand sie bewerten.
Vertrauen: Wenn Fehler früher harte Folgen hatten oder du nie wusstest, wie jemand reagiert, lernt man manchmal: lieber nichts tun als etwas falsch machen.
Autonomie: Wenn über dich viel bestimmt wurde, kann Aufschieben eine leise Form von Widerstand sein. Eine Aufgabe, die sich wie ein „Muss“ anfühlt, weckt etwas, das Nein sagen will, auch wenn es eigentlich deine eigene Aufgabe ist.
Das sind mögliche Zusammenhänge, keine Diagnose. Nicht jede Prokrastination hat mit der Kindheit zu tun.
Methoden helfen. Manchmal reichen sie nicht allein.
Die Prokrastinationsambulanz empfiehlt Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie: Arbeitsverhalten strukturieren, realistische Ziele setzen, Ablenkungen reduzieren. Solche Methoden sind sinnvoll, und für viele Menschen reichen sie.
Wenn du aber merkst, dass du die Methode kennst und trotzdem wieder an derselben Stelle stehst, kann ein zweiter Blick helfen: Was passiert in dir in dem Moment, in dem du anfangen willst? Enge, Müdigkeit, plötzlicher Hunger, der Drang, noch schnell die Küche aufzuräumen?
Du musst dich vielleicht nicht noch besser organisieren. Vielleicht lohnt es sich zu verstehen, wovor du ausweichst.
Und im Business?
Bei selbstständigen Frauen zeigt sich Aufschieben oft beim Angebot, bei Preisen oder beim Zeigen nach außen. Darüber schreibe ich ausführlich in „Du weißt, was du in deinem Business tun müsstest – warum tust du es trotzdem nicht?“. Und wenn es dir vor allem schwerfällt, dich zu zeigen, lies „Angst vor Sichtbarkeit“.
Drei Fragen an deine Liste
Nimm dir die Dinge, die seit Wochen liegen bleiben, und schreib zu jedem auf:
Ist die Aufgabe klar? Weißt du, was der erste Schritt ist? Wenn nicht, fang dort an.
Was spürst du, wenn du anfangen willst? Und wann hast du dieses Gefühl schon einmal gehabt?
Was wäre das Schlimmste, wenn du es erledigst? Manchmal ist die Antwort überraschend.
Häufige Fragen
Hat Prokrastination ihre Ursache in der Kindheit?
Manchmal spielt sie mit hinein, oft wirken aber mehrere Faktoren zusammen: Planung, Persönlichkeit, die Situation und manchmal auch frühe Erfahrungen. Wenn du früh gelernt hast, dass Fehler gefährlich sind oder Anerkennung an Leistung hängt, kann Aufschieben eine Strategie sein, um Bewertung zu vermeiden.
Ist Prokrastination ein Zeichen für ADHS oder Depression?
Allein nicht. Prokrastination kann aber Teil einer Depression oder ADHS sein. Wenn du einen Verdacht hast, wenn das Aufschieben mit anhaltender Niedergeschlagenheit einhergeht oder deinen Alltag stark einschränkt, sprich bitte mit einer Ärztin oder Psychotherapeutin. Ich bin keine Psychotherapeutin und stelle keine Diagnosen.
Wie kann ich Prokrastination überwinden?
Wenn die Aufgabe unklar oder zu groß ist, helfen Struktur, kleine Schritte und feste Zeiten. Wenn du immer wieder an denselben Stellen hängen bleibst, obwohl du die Methoden kennst, kann es zusätzlich helfen zu verstehen, wovor du ausweichst.
Was heute auf deiner Liste steht
Such dir eine Sache aus, nur eine. Nicht die größte, sondern die, bei der du beim Lesen am meisten gezuckt hast. Schreib den allerersten Schritt auf, so klein, dass er lächerlich wirkt. Und dann schau, was passiert.
Auf meiner Seite Leistung & Umsetzung erfährst du, wie ich mit solchen Mustern arbeite. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, was hinter deinem Aufschieben liegen könnte.
Quellen
Prokrastinationsambulanz der Universität Münster: Was ist Prokrastination?
Abgerufen am 7. Oktober 2026.
