Kindheitliche Prägungen
Manches, was du heute an dir nicht verstehst, kann eine viel ältere Geschichte haben.
Vielleicht kennst du diese Momente, in denen deine eigene Reaktion nicht so richtig zu dem passt, was gerade passiert.
- Jemand meldet sich nicht – und du wirst unruhiger, als du eigentlich sein möchtest.
- Du willst Nein sagen – und hörst dich trotzdem Ja sagen.
- Du hast endlich frei – und findest innerhalb weniger Minuten etwas, das du noch erledigen könntest.
- Oder du möchtest eine Entscheidung treffen, die eigentlich längst klar ist, und plötzlich wird wichtig, was alle anderen darüber denken.
Mit dem Kopf kannst du dir vielleicht sogar erklären, dass gerade gar nichts Dramatisches passiert.
Und trotzdem reagiert etwas in dir.
Das Problem zeigt sich heute. Das Muster kann viel älter sein.
Wir lernen viel früher, wie das Leben funktioniert, als wir darüber nachdenken können.
Ein kleines Kind weiß noch nichts über Beziehungen, Grenzen, Selbstwert oder Sicherheit.
Es erlebt.
Es erlebt, was passiert, wenn es etwas braucht. Wie andere auf seinen eigenen Willen reagieren. Ob jemand da ist, wenn es Trost braucht. Was passiert, wenn es wütend wird, einen Fehler macht oder etwas besonders gut kann.
Aus vielen einzelnen Erfahrungen entsteht nach und nach etwas wie eine innere Landkarte.
- Wie sicher ist die Welt für mich?
- Kann ich mich auf andere verlassen?
- Ist genug für mich da?
- Darf ich etwas wollen?
- Darf ich Nein sagen?
- Wann bekomme ich Aufmerksamkeit und Anerkennung?
Dabei geht es nicht darum, dass Eltern alles richtig machen müssen. Das können sie gar nicht. Und es geht auch nicht darum, später für jedes Verhalten eine Szene aus der Kindheit verantwortlich zu machen.
Es geht um etwas anderes:
Ein Kind findet Wege, mit seiner Welt zurechtzukommen.
Und manche dieser Wege können wir sehr lange behalten.
Vier Bereiche, in denen wir besonders viel über uns und die Welt lernen
In meiner Arbeit mit kindheitlichen Prägungen schaue ich unter anderem auf vier Bereiche: Vertrauen, Versorgung, Autonomie und Leistung.
Sie sind keine vier Schubladen und auch kein Persönlichkeitstest. Du bist nicht „die Vertrauensgeprägte“ oder „der Leistungstyp“. Wir alle machen Erfahrungen in all diesen Bereichen – und was sie später für uns bedeuten, ist individuell.
Vertrauen
Kann ich mich darauf verlassen, dass jemand da ist?
Ganz am Anfang unseres Lebens sind wir vollständig abhängig. Wir brauchen andere Menschen für Nähe, Versorgung und Beruhigung. Über viele kleine Erfahrungen entsteht nach und nach ein Gefühl dafür, wie verlässlich Beziehung und Welt für uns sind.
Später kann es deshalb interessant sein zu beobachten, wie du mit Ungewissheit umgehst. Kannst du abwarten? Kannst du darauf vertrauen, dass Dinge sich entwickeln? Oder entsteht schnell der Wunsch nach Kontrolle und Klarheit?
Nicht jede Kontrolle hat etwas mit Vertrauen zu tun. Aber manchmal lohnt sich die Frage:
Was passiert in mir, wenn ich nicht weiß, was als Nächstes kommt?
Versorgung
Ist genug für mich da – und darf es auch bei mir bleiben?
Versorgung bedeutet für ein Kind viel mehr als Essen und ein Dach über dem Kopf. Es erlebt, ob seine Bedürfnisse wahrgenommen werden, ob es etwas brauchen darf und wie selbstverständlich es sich anfühlt, etwas zu bekommen.
Später kann sich dieses Thema an vollkommen unterschiedlichen Stellen zeigen. Beim Annehmen von Hilfe. Beim eigenen Bedürfnis nach Sicherheit. Beim Geben und Nehmen in Beziehungen. Und manchmal auch beim Geld.
Dann kann objektiv genug vorhanden sein – und innerlich fühlt es sich trotzdem nicht nach genug an.
Was passiert in mir, wenn ich nicht sicher bin, ob wirklich genug für mich da ist?
Autonomie
Darf ich wollen, was ich will?
Irgendwann entdeckt ein Kind seinen eigenen Willen.
Selber machen. Nein sagen. Entscheiden. Ausprobieren. Grenzen testen.
Natürlich braucht ein Kind Grenzen. Die spannende Frage ist deshalb nicht, ob es immer bekommen hat, was es wollte, sondern wie sein eigener Wille grundsätzlich beantwortet wurde.
Darf ich anderer Meinung sein? Darf jemand enttäuscht von mir sein? Darf ich meinen eigenen Weg gehen?
Viele Jahre später kann genau diese Frage wieder auftauchen – bei einer Trennung, einer beruflichen Entscheidung, einer Grenze oder einem einfachen Nein.
Was passiert in mir, wenn ich wirklich das tue, was ich selbst möchte?
Leistung
Darf ich auch dann okay sein, wenn ich gerade nichts leiste?
Wir lernen, probieren aus und bekommen Rückmeldungen darauf, was wir tun. Wir erleben Anerkennung, Erfolg, Fehler und irgendwann auch Vergleich.
Das gehört zum Aufwachsen.
Spannend wird es, wenn Leistung sich innerlich mit etwas anderem verbindet: Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit oder dem Gefühl, wertvoll zu sein.
Dann kann aus der Freude darüber, etwas geschafft zu haben, irgendwann ein Leben werden, in dem es erstaunlich schwerfällt, einfach einmal nichts zu tun.
Nicht weil jemand verlangt, dass du weiterarbeitest.
Sondern weil Aufhören sich nicht selbstverständlich anfühlt.
Was passiert in mir, wenn ich nichts leiste und trotzdem einfach da bin?
Deine Kindheit muss nicht „schlimm“ gewesen sein.
Vielleicht liest du das alles und denkst:
Aber ich hatte doch eigentlich eine gute Kindheit.
Das schließt sich überhaupt nicht aus.
Kindheitliche Prägungen bedeuten für mich nicht automatisch Trauma, schlechte Eltern oder eine unglückliche Kindheit. Eltern sind Menschen. Sie haben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Möglichkeiten, Grenzen, Sorgen und Prägungen.
Und Kinder erleben Situationen anders als Erwachsene.
Vielleicht war etwas für deine Eltern vollkommen alltäglich und hat für dich trotzdem eine Bedeutung bekommen. Nicht weil jemand etwas falsch machen wollte, sondern weil du als Kind versucht hast zu verstehen, wie deine Welt funktioniert.
Wir brauchen deshalb keinen Schuldigen.
Mich interessiert viel mehr, was du aus deinen Erfahrungen mitgenommen hast – und ob du es heute noch brauchst.
Dein Leben hat sich verändert. Manche Strategien vielleicht noch nicht.
Das ist für mich der eigentlich spannende Teil.
Denn eine Strategie kann einmal hervorragend funktioniert haben.
Wenn Anpassung dafür gesorgt hat, dass es weniger Konflikte gab, war Anpassung sinnvoll. Wenn Leistung Anerkennung gebracht hat, war Leistung sinnvoll. Wenn Kontrolle dir geholfen hat, dich sicherer zu fühlen, hatte Kontrolle eine Funktion. Und wenn du früh gelernt hast, dich selbst um Dinge zu kümmern, hat dich genau das vielleicht unglaublich selbstständig gemacht.
Deshalb möchte ich diese Strategien nicht schlechtreden.
Sie haben möglicherweise ziemlich gute Arbeit geleistet.
Nur bist du heute nicht mehr das Kind, das sie entwickelt hat.
Du bist erwachsen. Du kannst Entscheidungen treffen. Du kannst gehen. Geld verdienen. Grenzen setzen. Beziehungen wählen. Hilfe holen. Deine Meinung ändern.
Und trotzdem kann in bestimmten Situationen eine alte Strategie schneller sein als dein erwachsener Kopf.
Dein Verhalten ist nicht das Problem. Es ist der Hinweis.
Vielleicht erkennst du es heute an ganz anderen Stellen.
Kindheitliche Prägungen laufen nicht mit einem Schild durch dein Leben.
Sie können sich mitten im Alltag zeigen.
- Vielleicht möchtest du in deinem Business wachsen und machst dich kurz vor dem nächsten Schritt wieder kleiner.
- Vielleicht liegt Geld auf deinem Konto und trotzdem kontrollierst du immer wieder, ob wirklich noch genug da ist.
- Vielleicht weißt du, dass eine Beziehung vorbei ist, und hältst innerlich trotzdem fest.
- Vielleicht möchtest du Nein sagen und erklärst fünf Minuten später, warum du natürlich doch helfen kannst.
- Oder du bist erschöpft, hast endlich frei und beginnst trotzdem, die nächste Aufgabe zu erledigen.
Von außen sind das völlig unterschiedliche Themen.
- Geld.
- Beziehung.
- Leistung.
- Entscheidungen.
Und genau deshalb schaue ich nicht nur auf das sichtbare Problem.
Mich interessiert, was darunter passiert.
Ich möchte nicht zuerst verändern. Ich möchte zuerst verstehen.
- Wenn du mir sagst: „Ich kann einfach nicht Nein sagen“, könnte ich dir zeigen, wie du Grenzen setzt.
- Wenn du sagst: „Ich komme nicht in die Umsetzung“, könnten wir einen Plan machen.
- Und wenn du sagst: „Ich kann nicht loslassen“, könnte ich dir erklären, dass du den Kontakt reduzieren solltest.
Vielleicht weißt du all das längst.
Deshalb interessiert mich zuerst eine andere Frage:
Warum ging es bisher nicht?
- Was passiert in dir kurz bevor du wieder Ja sagst?
- Was wäre, wenn du dein Angebot tatsächlich veröffentlichst?
- Was bedeutet es für dich, wenn der andere wirklich nicht mehr zurückkommt?
- Und was passiert, wenn du dir die Pause einfach nimmst, ohne sie vorher verdient zu haben?
Manchmal landen wir bei diesen Fragen an einer Stelle, von der du am Anfang überhaupt nicht gedacht hättest, dass sie etwas mit deinem heutigen Thema zu tun hat.
Genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit.
Wir müssen deine Vergangenheit nicht reparieren.
Wir können sie ohnehin nicht verändern.
Und mein Ziel ist auch nicht, dass du am Ende jede deiner Reaktionen bis ins dritte Lebensjahr zurückverfolgen kannst.
Mich interessiert dein Leben heute.
Wenn wir verstehen, wofür eine Strategie einmal da war und was sie heute noch für dich tut, können wir gemeinsam schauen, ob sie in dieser Form noch gebraucht wird.
Dabei arbeite ich nicht nach einem festen Schema. Je nachdem, was sich zeigt, verbinde ich meine Arbeit mit kindheitlichen Prägungen mit unterschiedlichen Methoden und meiner langjährigen Coaching-Erfahrung.
Manchmal arbeiten wir ruhig und sehr klar. Manchmal wird es emotional. Manchmal taucht mitten in einem ernsten Thema plötzlich etwas auf, über das wir beide lachen müssen.
Denn Veränderung muss sich nicht immer schwer anfühlen.
Und sie bedeutet für mich auch nicht, dass du anschließend nie wieder zweifelst, kontrollierst, arbeitest oder jemanden vermisst.
Es geht um etwas anderes:
Dass du immer häufiger bemerkst, wenn etwas Altes gerade das Steuer übernimmt – und entscheiden kannst, ob du heute noch danach leben möchtest.
Erfahrung aus dem Coaching
Was passieren kann, wenn alte Themen ihren Platz bekommen.
„Ich habe das persönliche Coaching bei Kerstin gebucht, um mit einigen Belastungen aus meiner Kindheit aufzuräumen, die mich nicht nur privat sondern auch beruflich ausgebremst haben.
Es ist sehr anstrengend, lohnt sich aber auf jeden Fall. Die Arbeit, Umsetzung und Umstellung erfolgt nicht von heute auf morgen aber es wirkt sich nach und nach äußerst positiv auf alles aus.
Ich kann ein Coaching bei Kerstin auf jeden Fall weiterempfehlen.“
Du musst nicht wissen, welche Prägung dahinterliegt.
Vielleicht hast du dich auf dieser Seite bei Vertrauen wiedererkannt. Oder bei Leistung. Vielleicht bei allem ein bisschen – oder bei gar nichts davon.
Das ist vollkommen in Ordnung.
Du musst nicht mit einer fertigen Erklärung zu mir kommen.
Du kannst mit einem einzigen Satz anfangen:
„Ich verstehe nicht, warum ich das immer wieder mache.“
Dann schauen wir von dort aus weiter.
Nicht damit du jemand anderes wirst.
Sondern damit du nicht länger automatisch nach Regeln leben musst, die heute vielleicht gar nicht mehr zu dir gehören.