Der Brief liegt auf dem Küchentisch. Seit vier Tagen. Du weißt ungefähr, von wem er ist. Vielleicht vom Finanzamt, vielleicht von der Krankenkasse, vielleicht eine Rechnung.
Du hast ihn nicht geöffnet.
Jeden Morgen schiebst du ihn ein Stück zur Seite. Irgendwann legst du die Zeitung drauf. Und die Banking-App auf deinem Handy hast du auch schon länger nicht mehr aufgemacht.
Die Funkstille mit deinem Geld
In meinem Artikel „Beziehung zu Geld verbessern“ vergleiche ich den Umgang mit Geld mit verschiedenen Beziehungstypen. Dieser hier heißt bei mir: die Funkstille.
Die Rechnung bleibt ungeöffnet. Die Banking-App auch. Lieber nicht wissen, dann ist es auch nicht echt.
Ihr seid zusammen. Aber ihr redet nicht miteinander.
Du bist damit nicht allein
Viele Menschen kennen das, auch Menschen, die sonst sehr zuverlässig sind. Frauen, die im Job jeden Termin im Griff haben, die für ihre Kinder an alles denken, die Projekte stemmen. Und trotzdem liegt da dieser eine Umschlag.
Das hat meistens nichts mit Faulheit oder Unordnung zu tun. Und es ist auch keine Frage der Disziplin.
Ein verwandtes Vermeidungsmuster beschreibt die Verhaltensforschung als Vogel-Strauß-Effekt. Die oft zitierte Untersuchung betrachtete nicht ungeöffnete Briefe, sondern das Kontrollieren von Wertpapierdepots: Anlegerinnen und Anleger schauten bei steigenden Märkten häufiger nach als bei gleichbleibenden oder fallenden Märkten. Auf ungeöffnete Post lässt sich das nicht eins zu eins übertragen. Es veranschaulicht aber, dass Menschen unangenehme finanzielle Informationen manchmal weniger häufig aufsuchen.
Was der ungeöffnete Brief schützen will
Eine mögliche Erklärung: Solange der Brief zu ist, ist alles noch möglich. Vielleicht steht ja nichts Schlimmes drin. Sobald du ihn öffnest, musst du dich der Zahl stellen und dem Gefühl, das sie auslöst.
Das Wegschauen ist also nicht sinnlos. Es schützt dich, kurzfristig, vor Scham, vor Angst, vor dem Gefühl, versagt zu haben.
Der Haken: Es schützt nur kurz. Der Brief liegt ja trotzdem da. Und mit jedem Tag wird er schwerer.
Wegschauen ist auch eine Beziehung. Nur eine sehr anstrengende.
Woher das Wegschauen kommen kann
Häufig begegnen mir in meiner Arbeit Geschichten wie diese:
Über Geld wurde nicht gesprochen. Vielleicht war Geld in deiner Familie ein Thema, bei dem es still wurde. Ein Kind lernt daraus möglicherweise: Geld ist etwas, das man besser nicht anfasst.
Geldpost bedeutete Ärger. Vielleicht hast du erlebt, dass nach bestimmten Briefen gestritten wurde oder dass jemand sehr angespannt war. Dann kann ein Umschlag heute noch dieselbe Alarmstimmung auslösen.
Fehler wurden hart bestraft. Wer früh gelernt hat, dass Fehler gefährlich sind, schaut manchmal lieber gar nicht hin, als einen Fehler zu entdecken.
Wie solche frühen Erfahrungen weiterwirken können, beschreibe ich in „Geld und kindheitliche Prägungen“. Und wenn du merkst, dass du nicht nur bei Geld, sondern auch bei anderen Dingen ins Aufschieben kommst, findest du mehr dazu in „Prokrastination: Kann die Ursache in der Kindheit liegen?“.
Wichtig: Bei Briefen von Behörden, Gerichten, Finanzamt, Krankenkasse oder Inkasso können Fristen laufen. Lass solche Post bitte nicht weiter ungeöffnet liegen. Wenn du es allein nicht schaffst, bitte heute eine Vertrauensperson oder eine Beratungsstelle, den Brief mit dir zu öffnen.
Ein kleiner Schritt aus der Funkstille
Wenn sich viel Post angesammelt hat, fang mit den Briefen an, bei denen eine Frist laufen könnte. Hilfreich sind oft Schritte, die sich machbar anfühlen.
Bitte jemanden dazu. Wenn der Absender eine Behörde, ein Gericht, das Finanzamt, eine Krankenkasse oder ein Inkassounternehmen ist, öffnet den Brief möglichst noch heute gemeinsam.
Du musst nicht allein sein. Viele Frauen erzählen mir, dass es leichter wird, wenn eine Freundin dabei ist oder am Telefon bleibt.
Plane danach etwas Gutes ein. Ein Spaziergang, eine Tasse Tee, ein Anruf. Dein System darf lernen, dass nach dem Öffnen nicht die Katastrophe kommt.
Schreib auf, was du befürchtest, bevor du öffnest. Und danach, was tatsächlich drinstand. Oft liegen die beiden weiter auseinander, als du denkst.
Und wenn hinter dem Brief tatsächlich Schulden oder Mahnungen stecken: Hol dir Unterstützung. Anerkannte Schuldnerberatungsstellen findest du zum Beispiel bei Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Verbraucherzentralen. Kläre mögliche Kosten vorab. Woran du eine seriöse Beratung erkennst, erklärt die Verbraucherzentrale.
Häufige Fragen
Warum öffnen manche Menschen ihre Post nicht?
Das kann viele Gründe haben. Häufig steckt dahinter die Angst vor einer schlechten Nachricht und dem Gefühl, das sie auslösen könnte: Scham, Überforderung, Angst. Das Wegschauen schützt kurzfristig vor diesen Gefühlen, auch wenn es langfristig mehr Druck macht.
Kann es eine Depression sein, wenn ich meine Post nicht öffne?
Allein daraus lässt sich keine Diagnose ableiten, und ich stelle keine. Wenn das Nicht-Öffnen aber Teil von etwas Größerem ist, wenn du dich über Wochen antriebslos, leer oder hoffnungslos fühlst, sprich bitte mit deiner Hausärztin oder einer Psychotherapeutin. Ich bin keine Psychotherapeutin.
Bist du eine Finanzberaterin oder Schuldnerberaterin?
Nein. Ich sage dir nicht, was du mit deinen Rechnungen oder Schulden tun sollst. Dafür gibt es Schuldnerberatungsstellen. Ich arbeite mit dem, was unter deinem Umgang mit Geld liegt: Prägungen, Gefühle und alte Sicherheitsstrategien.
Wenn es dir gerade sehr schlecht geht
Wenn du dich überfordert oder hoffnungslos fühlst, bist du nicht allein. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. In akuter Gefahr wähle bitte sofort den Notruf 112.
Der Brief auf dem Küchentisch
Vielleicht liegt der Brief noch da. Wenn eine Frist laufen könnte, hol dir bitte heute Unterstützung und öffne ihn gemeinsam mit jemandem. Du musst den Inhalt nicht allein tragen.
Auf meiner Seite Geld & Business erfährst du, wie ich mit Geldmustern selbstständiger Frauen arbeite. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, was dein Wegschauen eigentlich schützen will.
Quellen
Verbraucherzentrale: Schuldnerberatungen – So erkennen Sie unseriöse Angebote
