Der Text ist eigentlich fertig. Du liest ihn noch einmal. Änderst ein Wort. Liest ihn wieder. Vielleicht doch lieber ein anderer Einstieg?
Drei Tage später ist er immer noch nicht veröffentlicht.
Vielleicht kennst du das auch von deinem Angebot, deiner Website, deinem nächsten Instagram-Beitrag. Es ist gut. Aber es ist noch nicht gut genug. Und solange es nicht perfekt ist, bleibt es lieber, wo es ist.
Irgendwann denkst du: Ich muss meinen Perfektionismus endlich ablegen.
Perfektionismus ist nicht nur ein hoher Anspruch
Ich mag Frauen mit hohem Anspruch. Es ist schön, wenn jemand Dinge gut machen will und sich Mühe gibt. Daran ist nichts falsch.
Perfektionismus ist für mich etwas anderes. Er beginnt dort, wo „gut“ nie reicht. Wo du nicht mehr aufhörst, weil es fertig ist, sondern weil die Zeit abläuft. Oder wo du gar nicht erst anfängst, weil du weißt, dass es ohnehin nicht perfekt wird.
Ein hoher Anspruch will etwas gut machen. Belastender Perfektionismus will manchmal auch etwas verhindern.
Und genau da wird es spannend. Was eigentlich?
Was dein Perfektionismus vielleicht schützt
Wenn ich mit Frauen über ihren Perfektionismus spreche, landen wir erstaunlich oft bei einer Frage: Was würde passieren, wenn du etwas Unperfektes zeigst?
Jemand könnte es kritisieren. Jemand könnte merken, dass du nicht alles kannst. Jemand könnte denken, du seist nicht so kompetent, wie du wirkst.
Dann ist Perfektionismus nicht nur ein Anspruch. Er kann auch eine Schutzfunktion haben. Solange du noch an etwas feilst, kann niemand es bewerten.
Deshalb hängt Perfektionismus oft eng mit der Angst vor Sichtbarkeit zusammen. Und mit Aufschieben. Mehr dazu schreibe ich in „Du weißt, was du in deinem Business tun müsstest – warum tust du es trotzdem nicht?“
Woher der Perfektionismus kommen kann
Viele Frauen erzählen mir, dass sie schon als Kind gelernt haben, Fehler möglichst zu vermeiden. Nicht unbedingt, weil sie hart bestraft wurden. Manchmal reichte ein enttäuschter Blick. Ein „Das kannst du doch besser“. Oder das Gefühl, dass Lob vor allem dann kam, wenn etwas fehlerfrei war.
In meinem Grundlagenartikel über kindheitliche Prägungen schreibe ich über den Blickwinkel Leistung: wie sich das eigene Tun irgendwann mit Anerkennung, Zugehörigkeit oder dem Gefühl, wertvoll zu sein, verbinden kann.
Wenn ein Fehler sich früher so angefühlt hat, als würdest du ein Stück davon verlieren, ist es kein Wunder, dass dein System heute noch sehr vorsichtig ist.
Gleichzeitig würde ich nie sagen: Du bist perfektionistisch, also hast du eine Leistungsprägung. Bei der einen Frau geht es um Anerkennung. Bei einer anderen um Kontrolle. Bei einer dritten darum, nicht angreifbar zu sein.
Und die Kindheit ist nur ein Teil der Geschichte. Die AOK nennt als mögliche Ursachen neben Erfahrungen in Kindheit und Elternhaus auch die Persönlichkeit und gesellschaftlichen Druck: Leistungsdruck, Konkurrenz, den ständigen Vergleich in sozialen Medien. Meistens wirkt mehreres zusammen.
Übungen helfen. Manchmal reichen sie nicht allein.
Vielleicht hast du schon Übungen ausprobiert. Bewusst etwas unperfekt veröffentlichen. Die 80-Prozent-Regel. Einen Timer stellen. Auch Gesundheitsratgeber wie die AOK empfehlen solche kleinen Alltagsexperimente, zum Beispiel eine E-Mail einmal ohne mehrfaches Gegenlesen zu verschicken.
Das ist ein guter Weg, und für viele Frauen reicht er. Wenn der Perfektionismus dich aber vor etwas Wichtigem schützt, kommt er unter Druck oft zurück. Dann veröffentlichst du einmal etwas Unperfektes und fühlst dich danach so unwohl, dass du beim nächsten Mal doppelt so lange feilst.
Ein kleiner Schritt, den du heute ausprobieren kannst:
Leg vorher fest, was „gut genug“ heißt. Schreib vor einer Aufgabe in einem Satz auf, was am Ende erfüllt sein muss. Zum Beispiel: „Der Beitrag erklärt eine Sache verständlich und hat keinen Tippfehler im ersten Satz.“
Begrenze die Zeit. Entscheide vorher, wie lange du daran arbeitest, etwa 45 Minuten.
Prüf am Ende nur gegen deinen Satz. Nicht gegen das Gefühl, ob es perfekt ist. Ist der Satz erfüllt, geht es raus.
Notier dir, was danach passiert ist. Oft ist es viel weniger, als du befürchtet hast. Und wenn etwas Unangenehmes kommt, weißt du genauer, wovor dein Perfektionismus dich schützen wollte.
Ich würde deshalb nicht zuerst fragen, wie du deinen Perfektionismus loswirst. Sondern:
Wovor müsste dein Perfektionismus dich nicht mehr schützen, damit du ihn nicht mehr brauchst?
Wo Perfektionismus im Business auftaucht
Perfektionismus zeigt sich selten dort, wo wir ihn erwarten. Nicht nur bei großen Projekten, sondern oft bei ganz kleinen Dingen:
Der Instagram-Beitrag, der seit einer Woche als Entwurf gespeichert ist. Die Website, die „erst noch fertig werden muss“, bevor du sie jemandem zeigst. Die Mail an eine potenzielle Kundin, die du dreimal umformulierst. Das Angebot, das du erst veröffentlichen willst, wenn du noch eine Weiterbildung gemacht hast.
Jedes für sich wirkt vernünftig. Zusammen ergeben sie ein Business, das kleiner bleibt, als es sein könnte.
Und das ist für mich der eigentliche Preis des Perfektionismus: Nicht die Zeit, die du ins Feilen steckst, sondern das, was du deshalb gar nicht erst zeigst.
Perfektionismus bei der Arbeit, und was sich ändern kann
Wenn sich etwas verändert, merkst du es oft an kleinen Dingen. Du veröffentlichst einen Beitrag, obwohl dir der letzte Satz noch nicht ganz gefällt. Du schickst ein Angebot raus, ohne es fünfmal zu lesen. Und wenn jemand einen Fehler findet, ist das ärgerlich, aber keine Katastrophe.
Dein Anspruch darf bleiben. Er muss nur nicht mehr die ganze Arbeit machen.
In meiner Arbeit schauen wir uns meistens einen ganz konkreten Moment an: den Beitrag, der seit einer Woche als Entwurf liegt. Was passiert in dir, wenn du dir vorstellst, ihn jetzt zu teilen? Welches Werkzeug ich dann nutze, entscheide ich in der Sitzung. Welche Methoden ich mitbringe, findest du auf meiner Seite Über mich.
Was du heute schon beobachten kannst
Statt dir vorzunehmen, ab sofort weniger perfektionistisch zu sein, achte eine Woche lang auf diese Momente:
Woran feilst du gerade am längsten? Und was genau fehlt noch?
Was befürchtest du, wenn es so rausgeht, wie es jetzt ist?
Wessen Urteil hast du im Kopf, wenn du es dir anschaust?
Oft merkst du dabei, dass es gar nicht um das letzte Wort geht. Sondern um den Moment, in dem es draußen ist.
Häufige Fragen
Ist Perfektionismus etwas Schlechtes?
Nicht grundsätzlich. Ein hoher Anspruch kann dich weit bringen. Schwierig wird es, wenn „gut“ nie reicht, wenn du gar nicht erst anfängst oder wenn jeder Fehler sich anfühlt, als würde er etwas über deinen Wert sagen.
Woher kommt Perfektionismus?
Das ist bei jeder Frau anders. Oft hat er mit frühen Erfahrungen rund um Leistung und Anerkennung zu tun. Manchmal auch mit dem Bedürfnis nach Kontrolle oder damit, nicht angreifbar sein zu wollen. Ich würde aus deinem Perfektionismus nie automatisch auf eine bestimmte Ursache schließen.
Welche Übungen helfen, Perfektionismus abzulegen?
Übungen wie die 80-Prozent-Regel, eine feste Zeitgrenze oder bewusst unperfekte Veröffentlichungen können gut helfen. Wenn der Perfektionismus dich aber vor etwas Wichtigem schützt, reichen sie möglicherweise nicht allein. Dann hilft es zusätzlich, zu verstehen, wovor er dich schützt.
Wann brauche ich mehr als Coaching?
Wenn der Druck deinen Alltag, deinen Schlaf oder deine Arbeitsfähigkeit deutlich beeinträchtigt, oder wenn er mit Niedergeschlagenheit, starken Ängsten oder Zwängen einhergeht, ist ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe der richtige Weg. Ich bin keine Psychotherapeutin.
Wenn du dich darin wiedererkennst
Vielleicht hast du schon oft beschlossen, nicht mehr so perfektionistisch zu sein, und bist trotzdem immer wieder an derselben Stelle gelandet. Dann fehlt dir vielleicht nicht der richtige Vorsatz, sondern ein Blick darauf, was dein Perfektionismus für dich tut.
Auf meiner Seite Leistung & Umsetzung erfährst du, wie ich mit solchen Mustern arbeite. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, was bei dir dahinterliegt.
Quellen
AOK: Perfektionismus – Ursachen, Risiken und Strategien gegen den Druck
Abgerufen am 7. Oktober 2026.
