Du stehst im Laden und hältst den Pullover in der Hand. Er ist schön. Er passt. Du kannst ihn dir leisten.
Und trotzdem legst du ihn zurück.
Oder du kaufst ihn und fühlst dich auf dem Heimweg, als hättest du etwas Verbotenes getan. Zu Hause rechnest du nach. Am Abend überlegst du, ob du ihn zurückgeben sollst.
Für deine Kinder, für dein Business, für ein Geschenk an deine Freundin gibst du Geld ohne zu zögern aus. Nur bei dir selbst wird es eng.
Das schlechte Gewissen hat selten mit dem Betrag zu tun
Viele Frauen erzählen mir, dass es egal ist, wie viel sie verdienen. Das schlechte Gewissen ist bei zwanzig Euro genauso da wie bei zweihundert.
Das ist ein wichtiger Hinweis.
Wenn das Gefühl nicht mit dem Betrag wächst, dann geht es nicht um den Betrag.
Es geht um etwas anderes. Um die Frage, ob du es dir wert sein darfst. Ob du es verdient hast. Ob das Geld vielleicht gleich wieder fehlen wird.
Angst, Geld auszugeben: Gibt es dafür einen Fachbegriff?
Diese Frage wird oft gestellt. Im Internet findest du dazu verschiedene Begriffe, bis hin zu einer eigenen Phobie. Ich finde solche Etiketten wenig hilfreich. Ob eine behandlungsbedürftige Angst vorliegt, lässt sich daraus nicht ableiten. In meiner Arbeit schaue ich nicht zuerst auf ein Etikett, sondern auf das wiederkehrende Muster.
Und Muster haben eine Geschichte.
Woher das schlechte Gewissen kommen kann
In meinem Grundlagenartikel „Geld und kindheitliche Prägungen“ beschreibe ich vier Blickwinkel auf Geld. Beim schlechten Gewissen spielen meistens zwei davon eine Rolle.
Versorgung: Vielleicht war in deiner Kindheit Geld knapp. Oder es war genug da, aber es wurde ständig darüber gesorgt. Ein Kind lernt daraus: Was ich ausgebe, fehlt woanders. Wer sich etwas gönnt, nimmt jemand anderem etwas weg.
Leistung: Vielleicht hast du gelernt, dass man sich Dinge erst verdienen muss. Dass Genuss nach der Arbeit kommt, und die Arbeit ist nie ganz fertig. Dann fühlt sich jede Ausgabe für dich an wie ein Vorgriff auf etwas, das dir noch gar nicht zusteht.
Manchmal kommen auch Sätze dazu, die du oft gehört hast. „Wir sind doch nicht Krösus.“ „Das brauchst du nicht.“ „Geld wächst nicht auf Bäumen.“ Mehr dazu, wie solche Sätze wirken, schreibe ich in „Glaubenssätze über Geld“.
Warum Sparen das Gefühl von Sicherheit nicht immer beruhigt
Rücklagen und Vorsorge sind sinnvoll, daran ändert dieser Artikel nichts. Trotzdem versuchen viele Frauen, das schlechte Gewissen über noch mehr Disziplin zu lösen. Noch ein Budget, noch eine Tabelle, noch ein Sparziel. Sobald genug da ist, so die Hoffnung, wird es leichter.
Oft passiert das nicht.
Der Kontostand wächst, und das schlechte Gewissen bleibt. Manchmal wird es sogar stärker, weil jetzt mehr da ist, das man verlieren könnte. Darüber schreibe ich in „Warum sich genug Geld manchmal trotzdem nicht nach genug anfühlt“.
Eine mögliche Erklärung: Das Gefühl lässt sich nicht allein durch Zahlen beruhigen. Dein Kopf kennt die Zahlen. Dein Körper reagiert vielleicht noch auf eine alte Erfahrung, in der Ausgeben wirklich knapp oder gefährlich war.
Geld darf auch fließen
Für mich ist ein gesunder Umgang mit Geld nicht, so viel wie möglich zu behalten. Geld darf zu dir kommen, es darf bleiben, und du darfst es auch mit Genuss ausgeben.
Das heißt nicht, sorglos zu werden oder weniger zurückzulegen. Es heißt, dass Ausgeben kein Alarm mehr auslöst. Dass du einen Pullover kaufen kannst, weil er dir gefällt, und ihn dann einfach trägst.
Sparen und Genießen sind keine Gegensätze. Schwierig wird es erst, wenn Genießen sich verboten anfühlt.
Viele Frauen merken außerdem, dass das schlechte Gewissen beim Ausgeben eng mit anderen Themen zusammenhängt. Mit dem Gefühl, die Preise nicht erhöhen zu dürfen. Mit der Angst, nicht genug zu sein. Mit dem ständigen Blick aufs Konto.
Was du heute schon beobachten kannst
Wenn du anfangen möchtest, brauchst du keinen neuen Finanzplan. Achte beim nächsten Mal, wenn du etwas für dich kaufen willst, auf drei Dinge:
Was sagt die Stimme in deinem Kopf? Schreib den Satz wörtlich auf. Klingt er nach jemandem, den du kennst?
Wo spürst du es im Körper? Im Bauch, in der Brust, in den Händen?
Wofür gibst du ohne schlechtes Gewissen Geld aus? Und was ist dort anders?
Die dritte Frage ist oft die aufschlussreichste. Denn sie zeigt dir, wann du dir etwas erlaubst, und wann nicht.
Häufige Fragen
Warum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Geld für mich ausgebe?
Das kann verschiedene Gründe haben. Häufig begegnet mir, dass Frauen früh gelernt haben, dass Geld knapp ist oder dass man sich Dinge erst verdienen muss. Ein solches Gefühl lässt sich oft nicht allein durch Zahlen beruhigen. Deshalb kann es bleiben, auch wenn die Zahlen längst etwas anderes sagen.
Ist die Angst, Geld auszugeben, eine Phobie?
Allein aus diesem Gefühl lässt sich keine Diagnose ableiten, und ich stelle keine. Wenn die Angst dich so stark einschränkt, dass du notwendige Dinge nicht mehr kaufen kannst, sprich bitte mit einer Ärztin oder Psychotherapeutin. Ich bin keine Psychotherapeutin.
Bist du eine Finanzberaterin?
Nein. Ich sage dir nicht, wie du dein Geld anlegen oder einteilen sollst. Ich arbeite mit dem, was unter deinem Umgang mit Geld liegt: Prägungen, Gefühle, alte Sicherheitsstrategien.
Der Pullover von vorhin
Vielleicht liegt er noch im Laden. Vielleicht hast du ihn zurückgegeben. Das ist in Ordnung. Spannender als die Frage, ob du ihn hättest kaufen sollen, ist die Frage, wessen Stimme dir gesagt hat, dass du es nicht darfst.
Auf meiner Seite Geld & Business erfährst du, wie ich mit Geldmustern selbstständiger Frauen arbeite. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, was dein schlechtes Gewissen eigentlich schützen will.
