Kindheitliche Prägungen

Emotionale Vernachlässigung in der Kindheit: Folgen, die du erst als Erwachsene bemerkst

Von ca. 6 Minuten

Kleiner Holzstuhl mit Stoffhase, der allein aus dem Fenster schaut

„Mir ging es doch gut. Wir hatten alles.“

Diesen Satz höre ich oft, meistens kurz bevor eine Frau anfängt zu weinen und selbst nicht versteht, warum.

Es gab ein Zuhause, Essen auf dem Tisch, Urlaube, vielleicht sogar Klavierunterricht. Niemand hat geschlagen, niemand hat getrunken. Und trotzdem ist da dieses Gefühl, dass etwas gefehlt hat. Etwas, für das es lange keinen Namen gab.

Was emotionale Vernachlässigung bedeutet

Bei emotionaler Vernachlässigung geht es häufig nicht um ein einzelnes auffälliges Ereignis, sondern darum, dass Wärme, Geborgenheit, Wertschätzung oder eine angemessene Reaktion auf Gefühle über längere Zeit fehlen.

Ein Kind braucht nicht nur Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Es braucht auch jemanden, der merkt, wie es ihm geht. Der fragt, wenn es traurig ist. Der Wut aushält, ohne sich abzuwenden. Der Freude teilt. Der sagt: „Du darfst so fühlen.“

Wenn das fehlt, lernt ein Kind möglicherweise etwas sehr Leises: Meine Gefühle spielen hier keine Rolle.

Emotionale Vernachlässigung ist wie ein Foto, auf dem etwas fehlt. Du siehst nichts Schlimmes. Und genau deshalb ist es so schwer zu erkennen.

Das heißt nicht, dass deine Eltern dich nicht geliebt haben. Oft hatten sie selbst nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Oder sie waren mit eigenen Sorgen beschäftigt: Geld, Krankheit, eine schwierige Ehe, ein Geschwisterkind, das mehr Aufmerksamkeit brauchte.

Beispiele: Woran du es erkennen kannst

Es gibt keine Liste, mit der du emotionale Vernachlässigung sicher feststellen kannst. Aber vielleicht kommt dir einiges davon bekannt vor:

Über Gefühle wurde nicht gesprochen. Wenn du traurig warst, hieß es „Ist doch nicht so schlimm“ oder es kam gar keine Reaktion.

Du warst „das pflegeleichte Kind“. Du hast früh gelernt, keine Probleme zu machen. Und warst stolz darauf.

Bei Kummer warst du allein. Nicht, weil dich jemand weggeschickt hat, sondern weil niemand auf die Idee kam, nachzufragen.

Lob gab es für Leistung, nicht für dich. Gute Noten wurden gesehen. Wie es dir ging, eher nicht.

Du kannst dich kaum an Trost erinnern. An eine Umarmung, als du geweint hast, oder an jemanden, der einfach da war.

Diese Erfahrungen können Hinweise sein, beweisen für sich allein aber keine emotionale Vernachlässigung. Erinnerungen sind unterschiedlich, und dieselben heutigen Schwierigkeiten können viele Ursachen haben.

Folgen, die du vielleicht erst als Erwachsene bemerkst

Das Tückische an emotionaler Vernachlässigung: Mögliche Folgen zeigen sich manchmal erst viel später. Und sie sehen von außen gar nicht nach einem Problem aus. Viele Frauen, mit denen ich arbeite, wirken stark, kompetent, unabhängig. Und fühlen sich innerlich trotzdem oft leer oder allein.

Vernachlässigung kann die sozial-emotionale Entwicklung und psychische Gesundheit belasten. Wie stark und auf welche Weise, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die folgenden Erfahrungen sind deshalb mögliche Zusammenhänge, keine Diagnose.

Mögliche Folgen, die mir in meiner Arbeit häufig begegnen:

Du spürst deine eigenen Bedürfnisse kaum. Auf die Frage „Was möchtest du?“ fällt dir nichts ein, oder du sagst automatisch „Mir egal“. Mehr dazu in „Eigene Bedürfnisse erkennen“.

Du machst alles allein. Um Hilfe zu bitten fühlt sich fremd oder sogar beschämend an.

Du kannst schwer Nein sagen. Die Bedürfnisse der anderen fühlen sich wichtiger an als deine. Mehr dazu in „Nicht Nein sagen können“.

Du funktionierst, statt zu fühlen. Leistung gibt dir Halt. Wenn du zur Ruhe kommst, wird es unruhig. Mehr dazu in „Perfektionismus ablegen“.

Nähe ist schwierig. Du sehnst dich danach und ziehst dich trotzdem zurück, wenn es zu nah wird.

Ein diffuses Gefühl von „Mit mir stimmt etwas nicht“. Ohne dass du sagen könntest, was.

Manche dieser Frauen haben als Kind gelernt, ihre Gefühle allein zu tragen. Als Erwachsene machen sie oft genau das weiter.

Wie solche frühen Erfahrungen grundsätzlich weiterwirken können, beschreibe ich in „Kindheitliche Prägungen erkennen“.

Können sich die Folgen emotionaler Vernachlässigung verändern?

Veränderung ist möglich, aber sie verläuft nicht bei allen Menschen gleich. Neue, verlässliche Beziehungserfahrungen und ein bewussterer Umgang mit den eigenen Gefühlen können hilfreich sein. Wenn dich die Folgen stark belasten, kann psychotherapeutische Unterstützung ein angemessener Weg sein. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose oder Behandlung.

Wie ich mit alten Prägungen arbeite und was dabei realistisch ist, beschreibe ich in „Alte Prägungen auflösen“.

Was du heute schon ausprobieren kannst

Eine kleine Übung, die erst einmal banal klingt:

1. Halte dreimal am Tag kurz inne. Zum Beispiel morgens, mittags und abends.

2. Frag dich: Was fühle ich gerade? Nicht: Was muss ich noch tun? Sondern: Wie geht es mir? Wenn dir nichts einfällt, ist das in Ordnung. Dann frag: Wo im Körper spüre ich gerade etwas?

3. Antworte dir selbst freundlich. So, wie du einem Kind antworten würdest, das dir erzählt, dass es traurig ist.

Für viele Frauen fühlt sich das am Anfang ungewohnt an. Manchmal kommen dabei auch Gefühle hoch, die lange keinen Platz hatten. Geh behutsam mit dir um. Wenn die Übung dich stark überfordert oder Erinnerungen auslöst, die du nicht gut halten kannst, brich sie ab und hol dir fachliche Unterstützung.

Häufige Fragen

Wie merke ich, ob ich emotional vernachlässigt wurde?

Ein Hinweis kann sein, dass du dich kaum an Momente erinnerst, in denen jemand nach deinen Gefühlen gefragt hat, und dass es dir heute schwerfällt, eigene Bedürfnisse zu spüren oder um Hilfe zu bitten. Eine sichere Feststellung ist das nicht. Wenn dich das Thema stark beschäftigt, sprich mit einer Psychotherapeutin darüber.

Waren meine Eltern schlechte Eltern?

Nicht unbedingt. Emotionale Vernachlässigung passiert oft in Familien, in denen sich alle bemüht haben. Viele Eltern konnten nur weitergeben, was sie selbst bekommen hatten. Es geht hier nicht um Schuld, sondern darum, zu verstehen, was dir gefehlt hat.

Bist du Psychotherapeutin?

Nein. Ich stelle keine Diagnosen und biete keine Psychotherapie an. Ich arbeite als Coach mit Prägungen und Mustern. Wenn du unter starken Beschwerden leidest, ist eine Psychotherapeutin oder deine Hausärztin die richtige Anlaufstelle.

Wenn es dir gerade sehr schlecht geht

Wenn dich das Thema stark aufwühlt oder du dich hoffnungslos fühlst, bist du nicht allein. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. In akuter Gefahr wähle bitte sofort den Notruf 112.

Und jetzt mal ehrlich

Wann hat dich zuletzt jemand gefragt, wie es dir wirklich geht? Und wann hast du dich das selbst gefragt?

Auf meiner Seite Kindheitliche Prägungen erfährst du, wie ich mit frühen Erfahrungen arbeite. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, was dir damals gefehlt hat und was du heute brauchst.

Quellen

Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen: Glossar (Vernachlässigung)

Ärztlicher Leitfaden Bayern: Vernachlässigung

TelefonSeelsorge