Kindheitliche Prägungen

Warum kann ich nicht Nein sagen? Was deine Kindheit damit zu tun haben kann

Von ca. 4 Minuten

Zwei Hände halten eine warme Tasse vor einem Strickpullover

Eine Kundin fragt, ob du den Termin nicht doch noch diese Woche möglich machen kannst. Eine Freundin braucht Hilfe beim Umzug. Jemand aus deinem Netzwerk möchte „nur kurz“ deine Meinung zu seinem Angebot.

Und dein Ja ist schon draußen.

Erst danach merkst du, dass du eigentlich gar keine Zeit hast. Oder keine Lust. Oder dass du dir genau diesen Abend für dich freigehalten hattest.

Vielleicht ärgerst du dich dann über dich selbst. Warum kann ich nicht einfach Nein sagen? Ist doch nur ein Wort.

Es ist selten nur ein Wort

Wenn Nein sagen so einfach wäre, würdest du es tun. Du weißt ja, dass du es darfst. Du würdest jeder Freundin sofort raten, auf sich zu achten.

Trotzdem fühlt sich das eigene Nein manchmal an wie ein Risiko.

Was, wenn sie enttäuscht ist? Was, wenn sie mich dann nicht mehr bucht? Was, wenn ich als egoistisch dastehe? Was, wenn die Stimmung kippt?

Ein Nein ist selten nur eine Absage. Oft fühlt es sich an wie eine Gefahr für die Verbindung.

Und genau das macht es so schwer.

Ist das eine Schwäche?

Vielleicht hast du dich schon gefragt, ob das eine Schwäche ist. Oder sogar eine Krankheit. Ich verstehe, woher diese Frage kommt. Aber ich halte sie für die falsche Richtung.

Nicht Nein sagen zu können, ist für mich keine Schwäche. Es ist meistens eine Strategie, die irgendwann sehr gut funktioniert hat.

Vielleicht hast du früh erlebt, dass es harmonischer war, wenn du dich angepasst hast. Vielleicht warst du „die Vernünftige“, auf die man sich verlassen konnte. Vielleicht hast du gemerkt, dass dein Wille Streit ausgelöst hat oder dass Zuwendung leichter kam, wenn du hilfst.

Ein Kind entscheidet so etwas nicht bewusst. Es lernt einfach, was funktioniert.

Dasselbe Nein, unterschiedliche Geschichten

In meinem Grundlagenartikel über kindheitliche Prägungen schreibe ich über vier Blickwinkel: Vertrauen, Versorgung, Autonomie und Leistung. Beim Nein sagen kann jeder davon eine Rolle spielen.

Bei der einen Frau geht es um Autonomie: Ihr eigener Wille hatte früh wenig Raum. Heute fühlt sich jede eigene Entscheidung an, als müsse sie sich rechtfertigen.

Bei einer anderen geht es um Leistung: Sie hat gelernt, dass sie wertvoll ist, wenn sie hilft und etwas leistet. Ein Nein fühlt sich an, als würde sie ihren Platz verlieren.

Bei einer dritten geht es um Vertrauen: Sie ist sich nicht sicher, ob Beziehung bleibt, wenn sie jemanden enttäuscht.

Von außen sieht alles gleich aus. Eine Frau sagt Ja, obwohl sie Nein meint.

Innen sind es drei völlig verschiedene Geschichten. Und deshalb braucht es auch nicht bei allen dieselbe Lösung.

Warum „Setz einfach Grenzen“ nicht reicht

Den Rat, du müsstest besser Grenzen setzen, hast du vermutlich schon oft gehört. Vielleicht hast du sogar Formulierungen gesammelt, wie man höflich absagt.

Das kann helfen. Aber eine schöne Formulierung nützt dir wenig, wenn dein Körper schon Alarm schlägt, bevor du sie aussprechen kannst.

Mich interessiert deshalb weniger, wie du Nein sagst. Mich interessiert, was in dir passiert, wenn du es dir nur vorstellst.

Wird es eng im Hals? Kommt sofort das Bild von einem enttäuschten Gesicht? Fängst du schon an, Erklärungen zu formulieren, bevor überhaupt jemand gefragt hat?

Dort liegt die eigentliche Information.

Eigene Bedürfnisse erkennen, bevor du sie zurückstellst

Viele Frauen, mit denen ich arbeite, sind sehr gut darin, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Sie merken sofort, wenn jemand gestresst ist, was eine Kundin braucht oder wie die Stimmung im Raum ist.

Die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, fällt ihnen deutlich schwerer.

Nicht, weil sie keine hätten. Sondern weil sie gelernt haben, sie so schnell zurückzustellen, dass sie gar nicht mehr richtig auftauchen.

Vielleicht beginnt Nein sagen deshalb gar nicht mit dem Nein. Vielleicht beginnt es mit einer viel leiseren Frage:

Was möchte ich eigentlich, bevor ich darüber nachdenke, was die anderen wollen?

Du musst nicht von heute auf morgen anders sein

Ein Muster, das dich viele Jahre begleitet hat, verschwindet nicht durch einen Vorsatz. Und das muss es auch nicht.

Vielleicht sagst du beim nächsten Mal nicht sofort Ja, sondern: Ich melde mich morgen. Vielleicht merkst du nur den Moment, in dem dein Ja schon auf der Zunge liegt. Vielleicht sagst du Ja und weißt diesmal genau, warum.

Das ist schon ein Unterschied. Denn dann ist dein Ja keine Automatik mehr, sondern eine Entscheidung.

Wenn du merkst, dass du dich zwar längst entschieden hast, aber trotzdem nicht danach handelst, lies gern auch meinen Artikel „Du hast dich längst entschieden. Warum fühlt es sich trotzdem falsch an?“.

Was du heute schon beobachten kannst

Du musst nicht sofort anfangen, Nein zu sagen. Achte eine Woche lang auf die Momente, in denen du Ja sagst:

War das Ja schon draußen, bevor du nachgedacht hast?

Was hast du gespürt, als du dir ein Nein nur vorgestellt hast?

Wessen Reaktion hattest du dabei im Kopf?

Und wenn du magst, probier einen Zwischenschritt: „Ich melde mich morgen dazu.“ Damit sagst du noch nicht Nein. Aber du schaffst den Raum, in dem du entscheiden kannst.

Häufige Fragen

Ist nicht Nein sagen können eine Krankheit?

Nein. Für mich ist es meistens eine Strategie, die irgendwann sehr sinnvoll war. Wenn du merkst, dass dich das Thema stark belastet, deine Gesundheit leidet oder du dich dauerhaft überfordert fühlst, sprich bitte auch mit einer Ärztin oder Psychotherapeutin.

Was ist der Fachausdruck für nicht Nein sagen können?

Oft wird „People Pleasing“ verwendet, also das Bedürfnis, es allen recht zu machen. Ich finde Begriffe weniger wichtig als die Frage, warum dein Nein sich so riskant anfühlt. Dasselbe Verhalten kann bei verschiedenen Frauen ganz unterschiedliche Gründe haben.

Hat das immer mit der Kindheit zu tun?

Nicht immer. Manchmal sagst du Ja, weil du gerade Ja meinst, oder weil es beruflich klug ist. Interessant wird es, wenn du immer wieder Ja sagst, obwohl du Nein meinst. Dann kann sich der Blick zurück lohnen.

Wenn du dich hier wiedererkennst

Du musst nicht wissen, welche Geschichte hinter deinem Ja steckt. Es reicht, dass du merkst: Das passiert immer wieder, obwohl ich es anders möchte.

Auf meiner Seite Kindheitliche Prägungen erfährst du mehr darüber, wie ich arbeite. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, was dein Nein bisher so schwer gemacht hat.