In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 2017 klingelte gegen vier Uhr morgens das Telefon.
Ich wusste sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Mein Bruder war gestorben. Völlig unerwartet, an einem Herzinfarkt. Er war 42 Jahre alt.
Ich erzähle diese Geschichte nicht oft. Aber sie ist der Grund, warum ich heute tue, was ich tue. Und sie zeigt etwas, das mir bei vielen Frauen begegnet, mit denen ich arbeite: wie gut wir darin sein können zu funktionieren. Und wie wenig Platz dabei für uns selbst bleibt.
Ich habe funktioniert
Nach diesem Anruf bin ich sofort in den Funktionsmodus gefallen. Meine eigenen Gefühle habe ich perfekt zur Seite geschoben. Ich habe mich um meine Mutter gekümmert, dann um meinen Vater. Ich bin nach Hause gefahren und habe meinem Mann und meinem Sohn erklärt, was passiert ist.
Wir wollten an diesem Tag Weihnachten feiern. Seitdem ist Weihnachten bei uns immer ein bisschen anders.
Die Feiertage und die Tage danach habe ich einfach funktioniert. Ich habe wie in Trance das Kinderzimmer zu Ende ausgebaut, Freunden die Nachricht überbracht, meinem Sohn zu erklären versucht, warum sein Onkel nicht mehr da ist. Ich dachte: Wenn erst die Beerdigung vorbei ist, wird es besser. Dann muss ich diese Trauer nicht mehr aushalten.
Statt mich um mich selbst zu kümmern, habe ich versucht, alle anderen zu unterstützen. Sie brauchen mich ja jetzt. Ich war wie zerrissen, weil ich es nicht allen recht machen konnte.
Wenn man einmal im Funktionsmodus ist, dann funktioniert man eben.
Heute weiß ich, wie vertraut mir dieser Modus war. Und wie viele Frauen ihn kennen, nicht nur in der Trauer. Darüber schreibe ich auch in meinem Artikel „Immer funktionieren oder gar nicht anfangen“.
Ich dachte, ich hätte es überstanden
Irgendwann dachte ich: Jetzt hast du es geschafft.
Mein Sohn hatte es noch lange nicht geschafft. Wie auch? Er war acht Jahre alt und hatte zum ersten Mal bewusst mit dem Tod zu tun. Und dann gleich mit seinem Onkel.
Es half ihm, ein Foto von meinem Bruder neben sein Bett zu stellen. So konnte er mit ihm reden. Für mich war genau das schwer. Ich konnte das Bild nicht anschauen, ohne in Tränen auszubrechen.
Irgendwann konnte ich meinen Sohn abends nicht mehr trösten, weil ich selbst zu aufgewühlt war. Dann ging mein Mann zu ihm. Und wenn ich mit Freunden über meinen Bruder sprach, liefen fast immer die Tränen.
So viel zu meiner Überzeugung, ich hätte meine Trauer bewältigt.
Meine erste Hypnose
Etwas mehr als ein halbes Jahr nach der Beerdigung war ich auf einem Seminar von Gereon Jörn. Dort habe ich zum ersten Mal von Hypnose-Coaching gehört.
Ehrlich gesagt war ich skeptisch. Ich konnte nicht richtig glauben, was da möglich sein sollte. Aber ich habe mir gesagt: Du hast da wirklich ein Thema. Probier es aus. Schlimmer kann es nicht werden.
In dieser Hypnose durfte ich meinem Bruder noch einmal begegnen, in meinen inneren Bildern. Ich konnte ihn alles fragen, was ich ihn noch fragen wollte. Ihm alles sagen, was mir auf der Seele brannte. Ihm von seiner Familie erzählen. Und mich von ihm verabschieden – so, wie ich es bei seiner Beerdigung nicht konnte.
Direkt danach war ich mir überhaupt nicht sicher, ob sich etwas verändert hatte. Eine Stunde, dachte ich, das kann doch nicht reichen für all den Schmerz der letzten Monate.
Dann bat Gereon mich, ein paar Geschichten über meinen Bruder zu erzählen. Ich erzählte. Und irgendwann fiel mir auf: Hey. Du weinst ja gar nicht.
Der Abend, an dem ich es wirklich gemerkt habe
Den eigentlichen Test hatte ich, als ich wieder zu Hause war.
Am Abend lag mein Sohn tränenaufgelöst im Bett. Mein Mann wollte schon zu ihm gehen. Aber diesmal konnte ich selbst gehen, ganz ohne dieses mulmige Gefühl im Bauch.
Nach fünf Minuten haben wir zusammen über alte Geschichten von meinem Bruder gelacht. Und mein Sohn ist friedlich eingeschlafen.
Mein Mann war ziemlich verblüfft. Ich hatte ihm von der Hypnose nichts erzählt.
Bin ich jetzt nie mehr traurig?
Das werde ich oft gefragt. Und die Antwort ist: Doch. Ich bin traurig, besonders an Weihnachten. Ab und zu fließen auch heute noch Tränen.
Und das ist gut so.
Mein Bruder fehlt mir. Daran hat keine Hypnose etwas geändert, und das sollte sie auch nicht. Verändert hat sich etwas anderes: Ich kann heute mit einem guten Gefühl über ihn sprechen. Die Trauer ist da, aber sie bestimmt nicht mehr meinen Alltag.
Trauer darf bleiben. Sie muss nur nicht mehr alles bestimmen.
Ich erzähle dir das nicht als Versprechen. Jeder Mensch trauert anders, und es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt auch keinen Zeitplan. Trauer dauert so lange, wie sie dauert. Es ist meine Geschichte, und sie hat mir gezeigt, was möglich sein kann.
Wenn deine Trauer dich über lange Zeit lähmt und du allein nicht weiterkommst, hol dir bitte Unterstützung, auch ärztliche oder psychotherapeutische. Das gehört für mich dazu.
Warum ich deshalb Coach geworden bin
Nach dieser Erfahrung habe ich miterlebt, wie Hypnose-Coaching auch anderen Menschen in meiner Familie geholfen hat. Und irgendwann wusste ich: Das möchte ich selbst lernen.
Im Dezember 2019 habe ich meine erste Ausbildung zum Hypnose-Coach abgeschlossen. Heute bin ich Hypnose-Therapeutin nach Alexander Hartmann und Coach für kindheitliche Prägungen. Über die Jahre sind viele Werkzeuge dazugekommen, unter anderem Neuro-Resonanz, NLP, EMDR, emTrace® und Mimikresonanz®.
Es klingt vielleicht seltsam, aber ich bin meinem Bruder dankbar. Nicht dafür, dass er so früh gegangen ist. Das hätte wirklich nicht sein müssen. Aber er hat mir einen Weg gezeigt, den ich ohne ihn nie gefunden hätte.
Was ich daraus für meine Arbeit mitgenommen habe
Wenn ich heute mit Frauen arbeite, denke ich oft an diesen Funktionsmodus. An die Frau, die sich um alle kümmert und dabei vergisst, dass sie selbst auch etwas braucht. Die denkt, sie hätte etwas längst bewältigt, und es dann an einem ganz anderen Ort wieder trifft.
Deshalb interessiert mich nicht nur, was du verändern möchtest. Sondern warum es bisher nicht ging.
Und deshalb entscheide ich auch nicht vorher, mit welcher Methode wir arbeiten. Manchmal ist es Hypnose, manchmal etwas anderes. Wie eine Hypnose bei mir heute abläuft, beschreibe ich in „Hypnose nach einer Trennung: Was sie kann und was nicht“.
Wenn du deinem Menschen nicht noch einmal begegnen möchtest
Nicht jede kann sich vorstellen, in einer Hypnose noch einmal einem Menschen zu begegnen, den sie verloren hat. Manche möchten das Gefühl des Verlustes nicht noch einmal durchleben. Das ist völlig in Ordnung.
Dann gibt es andere Wege. Zwei davon nutze ich bis heute gern:
Den Yager Code. Das Besondere daran: Du musst dein Thema nicht im Detail erzählen. Es reicht, dass du selbst weißt, worum es geht. Gerade wenn etwas sehr schmerzhaft ist oder du keine Worte dafür findest, kann das entlastend sein.
EFT, die Klopftechnik. EFT steht für Emotional Freedom Techniques und wurde von Gary Craig entwickelt. Dabei nimmst du ein belastendes Gefühl bewusst wahr und beklopfst gleichzeitig bestimmte Punkte am Körper.
Welcher Weg passt, entscheiden wir gemeinsam. Und auch hier gilt: Ich mache keine Heilversprechen. Ich schaue mit dir, was du gerade brauchst.
Mein Kapitel im Buch
Meine ganze Geschichte habe ich 2020 aufgeschrieben, in meinem Kapitel „Ein Leben in Leichtigkeit“. Es ist Teil des Buches „Hypnose erleben – Potenziale leben: elf Ansichten und Einsichten“, in dem elf Autorinnen und Autoren erzählen, wie sie Hypnose erlebt haben. Das Buch ist im Wissensbringer Verlag erschienen, und du bekommst es bei Amazon oder direkt bei mir: Schreib mir einfach eine E-Mail an kp@kerstin-piez.de.
Wenn du gerade selbst im Funktionsmodus steckst
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass dir dieser Modus bekannt vorkommt. Nach einem Verlust, nach einer Trennung oder einfach, weil du schon lange für alle anderen da bist.
Dann musst du nicht wissen, was dahinterliegt. In der kostenfreien Musteranalyse schauen wir gemeinsam hin.
