Eigentlich hattest du dir vorgenommen, heute Nachmittag nichts mehr zu machen. Kein Termin, kein Zoom, nichts Dringendes auf der To-do-Liste. Vielleicht hast du sogar schon morgens gedacht: Heute mache ich früher Schluss.
Und dann ist es so weit. Du könntest dich aufs Sofa setzen, einen Kaffee trinken, spazieren gehen oder einfach mal gar nichts tun. Stattdessen räumst du noch schnell die Küche auf, beantwortest eine Nachricht und stellst eine Waschmaschine an. Dann fällt dir ein, dass du am Laptop nur noch eine Kleinigkeit nachschauen wolltest.
Eine Stunde später sitzt du immer noch davor.
Ich kenne dieses „nur noch schnell“ ziemlich gut. Und ich erlebe auch in Coachings immer wieder Frauen, die mir erzählen, dass sie sich eigentlich nach Ruhe sehnen – und gleichzeitig erstaunlich schlecht darin sind, sie auszuhalten.
Das klingt erst einmal widersprüchlich. Wenn ich erschöpft bin, müsste sich eine Pause doch gut anfühlen. Warum fällt es manchen Menschen dann leichter, noch eine Aufgabe zu erledigen, als einfach sitzen zu bleiben?
Vielleicht ist das Problem gar nicht deine volle To-do-Liste
Wenn wir über zu viel Arbeit sprechen, landen wir schnell bei Zeitmanagement. Wir überlegen, was wir streichen können, welche Aufgaben delegiert werden könnten oder wo wir uns bessere Grenzen setzen sollten.
Das kann sinnvoll sein. Nur hilft dir der schönste freie Nachmittag nichts, wenn du ihn sofort wieder mit Aufgaben füllst. Und genau dort wird es für mich interessant.
Was passiert eigentlich in dir, wenn nichts zu tun ist?
Kannst du dich hinsetzen und diesen freien Raum genießen? Oder beginnt dein Kopf nach kurzer Zeit, nach Aufgaben zu suchen? Fällt dir plötzlich ein, was alles noch erledigt werden müsste? Vielleicht entsteht sogar ein unangenehmes Gefühl, weil du gerade „nur“ dasitzt, während es doch bestimmt irgendetwas Sinnvolles zu tun gäbe.
Manchmal ist Arbeit nämlich nicht nur Arbeit. Sie kann auch etwas herstellen, das wir sehr mögen: das Gefühl, produktiv zu sein. Gebraucht zu werden. Etwas geschafft zu haben. Die Dinge im Griff zu haben.
Und wenn wir damit aufhören, fällt all das für einen Moment weg.
Was hast du eigentlich über Leistung gelernt?
Genau an dieser Stelle lohnt sich manchmal ein Blick zurück.
Nicht, weil jeder volle Terminkalender automatisch etwas mit der Kindheit zu tun hat. Und auch nicht, weil Lob in der Kindheit problematisch wäre. Natürlich dürfen Kinder erleben, dass jemand stolz auf sie ist, wenn sie etwas geschafft haben.
Spannend wird es dort, wo sich Leistung irgendwann mit etwas anderem verbindet.
Vielleicht hast du früh erlebt, dass du besonders viel Aufmerksamkeit bekommen hast, wenn du etwas gut gemacht hast. Vielleicht warst du „die Vernünftige“, „die Fleißige“ oder diejenige, auf die man sich immer verlassen konnte. Vielleicht hast du gemerkt, dass es harmonischer war, wenn du mitgeholfen, dich gekümmert oder keine zusätzlichen Probleme gemacht hast.
Daraus muss kein bewusster Satz entstehen wie: Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste. So plakativ funktioniert das selten.
Es kann viel subtiler sein. Du gewöhnst dich einfach daran, dass Tun sich gut anfühlt. Dass Erledigen Sicherheit gibt. Dass Leistung Anerkennung bringt oder dass du dich besonders wohl mit dir fühlst, wenn du am Ende eines Tages sagen kannst: Heute habe ich richtig was geschafft.
Und dann kommt irgendwann ein freier Nachmittag. Plötzlich gibt es nichts abzuhaken. Und Ruhe fühlt sich nicht automatisch nach Ruhe an.
„Aber ich arbeite doch gerne.“
Das höre ich übrigens auch oft – und ich finde den Einwand wichtig.
Denn viel zu arbeiten bedeutet nicht automatisch, dass dahinter ein problematisches Muster steckt. Du darfst dein Business lieben. Du darfst ehrgeizig sein. Du darfst abends eine Idee haben und Lust darauf bekommen, sie sofort umzusetzen. Und du darfst nach einem produktiven Tag zufrieden auf das schauen, was du geschafft hast.
Ich möchte Leistung überhaupt nicht schlechtreden. Die Frage ist für mich eine andere:
Kannst du auch aufhören?
Kannst du entscheiden, heute zwei Stunden länger zu arbeiten, weil du gerade richtig Lust darauf hast – und morgen um drei den Laptop zuklappen, weil die Sonne scheint? Oder fühlt sich das eine selbstverständlich und das andere irgendwie falsch an?
Da liegt für mich ein großer Unterschied. Denn dann geht es nicht mehr darum, wie viel du arbeitest, sondern darum, ob du wirklich eine Wahl hast.
Manchmal zeigt sich ein altes Muster ausgerechnet in der Pause
In der Arbeit mit kindheitlichen Prägungen schauen wir unter anderem darauf, welche Erfahrungen wir früh mit Vertrauen, Versorgung, Autonomie und Leistung gemacht haben. Wenn du genauer verstehen möchtest, was ich damit meine und wie solche Prägungen entstehen können, findest du dazu meinen ausführlichen Grundlagenartikel über kindheitliche Prägungen.
Beim Thema Leistung interessiert mich besonders, womit das eigene Tun innerlich verbunden ist. Was bedeutet es für dich, etwas geschafft zu haben? Was passiert, wenn du einen Tag lang nichts Produktives vorweisen kannst? Wie reagierst du auf Fehler? Und kannst du etwas einfach nur tun, weil es dir Freude macht – ohne dass am Ende etwas dabei herauskommen muss?
Die Antworten darauf sind sehr individuell. Bei der einen Frau geht es tatsächlich um Anerkennung. Bei einer anderen gibt Arbeit Struktur und Kontrolle. Und wieder eine andere merkt vielleicht, dass sie sich beim Tun wunderbar von etwas ablenken kann, das sie in der Ruhe viel deutlicher spüren würde.
Deshalb würde ich auch hier niemals sagen: Du kannst nicht entspannen, also steckt dahinter eine Leistungsprägung. Ich würde lieber fragen, was deine ganz persönliche Unruhe eigentlich von dir möchte.
Vielleicht brauchst du gar nicht noch mehr Disziplin beim Entspannen
Das finde ich fast ein bisschen absurd: Wir können sogar aus Erholung noch eine Aufgabe machen.
Meditieren. Sport machen. Genug schlafen. Digital Detox. Achtsam sein. Pausen einhalten. Und plötzlich steht „Entspannen“ als nächster Punkt auf unserer inneren To-do-Liste. Wenn es nicht klappt, haben wir eben auch das nicht richtig gemacht.
Vielleicht muss die Lösung deshalb gar nicht sein, dass du ab morgen konsequenter Pausen machst. Vielleicht kannst du beim nächsten Mal einfach beobachten, was passiert, wenn du es versuchst.
Du setzt dich hin. Und nach fünf Minuten kommt der Impuls aufzustehen. Dann musst du ihn nicht bekämpfen. Aber du könntest neugierig werden: Warum möchte ich gerade so dringend etwas tun?
Vielleicht lautet die Antwort tatsächlich: Weil die Küche aussieht wie Sau und ich sie jetzt aufräumen möchte. Dann räum sie auf.
Vielleicht merkst du aber auch etwas anderes. Eine Unruhe. Ein schlechtes Gewissen. Das Gefühl, deine Zeit zu verschwenden. Oder diesen leisen Gedanken, dass du eigentlich noch nicht genug gemacht hast, um dir die Pause wirklich verdient zu haben.
Und das wäre der Moment, den ich interessant finde. Nicht weil du jetzt unbedingt sitzen bleiben musst. Sondern weil du plötzlich etwas bemerkst, das vorher einfach automatisch passiert ist.
Vielleicht ist eine Pause dann irgendwann nicht mehr etwas, das du dir erst verdienen musst, wenn wirklich alles erledigt ist. Denn seien wir mal ehrlich: Dieser magische Moment, in dem wirklich alles erledigt ist, kommt erstaunlich selten.
Vielleicht darf Arbeit einfach wieder Arbeit sein. Etwas, das du gerne machst, in das du Energie steckst und auf das du stolz sein kannst. Und eine Pause darf eine Pause sein. Nicht die Belohnung dafür, dass du vorher genug geleistet hast, sondern etwas, für das du keinen anderen Grund brauchst als den, dass du gerade eine möchtest.
Wenn du merkst, dass du selbst dann nicht wirklich aufhören kannst, wenn du es eigentlich möchtest ...
Dann lohnt es sich vielleicht, nicht noch die nächste Entspannungsmethode auszuprobieren, sondern einmal genauer hinzuschauen, was das Weitermachen für dich eigentlich tut.
Auf meiner Seite Leistung & Umsetzung zeige ich dir, warum hinter ständigem Funktionieren – aber auch hinter Aufschieben und Nicht-ins-Tun-Kommen – mehr stecken kann als fehlende Disziplin.