Am Anfang ist er ganz anders als der Letzte. Das sagst du deiner Freundin sogar: „Diesmal ist es wirklich anders.“
Ein paar Monate später sitzt du wieder da. Du wartest auf eine Nachricht. Du erklärst dir sein Verhalten. Du strengst dich an, damit es gut wird. Und irgendwann merkst du: Anderer Name, gleiche Geschichte.
Wenn du dich fragst, warum du immer die falschen Männer anziehst, bist du damit nicht allein. Es ist eine der Fragen, die mir in meiner Arbeit am häufigsten begegnen.
Ziehst du sie wirklich an?
Ich möchte die Frage ein kleines bisschen umdrehen. Denn „anziehen“ klingt, als würdest du etwas ausstrahlen, das genau diese Männer anlockt. Und als wärst du damit irgendwie schuld.
Das glaube ich nicht. Männer, die nicht gut für dich sind, gibt es überall. Interessanter ist eine andere Frage:
Nicht: Warum kommen immer die Falschen? Sondern: Warum fühlen sich die Falschen so richtig an?
Vielleicht kennst du es so: Ein verlässlicher Mann wirkt zunächst wenig aufregend, während bei einem schwer erreichbaren Mann sofort etwas in dir anspringt. Das muss nicht so sein. Aber wenn es sich wiederholt, lohnt sich ein genauerer Blick.
Vertraut fühlt sich an wie Liebe
Eine mögliche Erklärung ist, dass Vertrautheit bei Anziehung mitwirken kann. Frühe Beziehungserfahrungen können Erwartungen an Nähe, Rückzug und Verlässlichkeit prägen. Sie bestimmen aber nicht automatisch, wen du wählst, und beweisen kein festes Partnerwahlmuster.
Forschung findet Zusammenhänge zwischen frühen Beziehungserfahrungen und späterem Bindungsverhalten beziehungsweise dem Interesse an möglichen Partnern. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Kindheit einen bestimmten „falschen Typ“ festlegt.
Das heißt nicht, dass du einen Mann suchst, der wie dein Vater ist. Es geht weniger um die Person als um ein Gefühl, das sich wiederholen kann:
Du musst um Aufmerksamkeit kämpfen. Wenn Zuwendung früher unberechenbar war, kann sich ein Mann, der mal nah und mal weg ist, aufregend und vertraut anfühlen.
Du bist die Starke. Wenn du früh für andere sorgen musstest, fühlst du dich vielleicht zu Männern hingezogen, die dich brauchen. Und wunderst dich, dass niemand für dich sorgt.
Du musst dir Liebe verdienen. Wenn Anerkennung an Leistung gebunden war, kommt dir ein Mann, der einfach so freundlich ist, vielleicht fast verdächtig vor.
Du hältst durch. Wenn in deiner Familie geblieben wurde, egal wie schlecht es lief, kann Gehen sich wie Versagen anfühlen.
Manchmal fühlt sich gerade das Vertraute richtig an, selbst wenn es uns nicht guttut.
Wie sich solche Muster nicht nur in der Partnerschaft, sondern auch mit Kindern, mit Geld und mit dir selbst zeigen können, beschreibe ich ausführlich in „Beziehungsmuster erkennen“.
Woran du das Muster erkennen kannst
Das Muster zeigt sich selten am ersten Abend. Eher an kleinen Momenten, die sich wiederholen. Vielleicht erkennst du einige davon:
Du verbringst mehr Zeit damit, sein Verhalten zu deuten, als es einfach zu erleben.
Du sagst häufig „Er meint das nicht so“ oder „Er hat es halt schwer gehabt“.
Du stellst deine eigenen Wünsche zurück, damit es keinen Streit gibt.
Wenn ein Mann verlässlich ist, wirst du unruhig oder verlierst das Interesse.
Deine Freundinnen sehen es früher als du.
Wenn sich vor allem die Angst wiederholt, verlassen zu werden, findest du mehr dazu in „Verlustangst: Ursachen in der Kindheit verstehen“.
Was du heute schon ausprobieren kannst
Du musst das Muster nicht sofort durchbrechen. Fang damit an, es klar zu sehen.
1. Schreib die letzten zwei oder drei Beziehungen untereinander. Nicht die Männer, sondern deine Rolle: Was hast du gemacht? Was hast du gefühlt? Was hast du aufgegeben?
2. Unterstreich, was sich wiederholt. Oft springt es dir sofort ins Auge.
3. Frag dich: Woher kenne ich dieses Gefühl? Nicht aus der letzten Beziehung, sondern von viel früher. Wer hat dir zum ersten Mal das Gefühl gegeben, dass du dich anstrengen musst, damit jemand bleibt?
Manchmal ist es auch hilfreich, den Blick auf dich selbst zu richten statt auf ihn: Was brauchst du eigentlich in einer Beziehung? Wenn es schwerfällt, das zu beantworten, kann „Eigene Bedürfnisse erkennen“ ein guter nächster Schritt sein.
Wenn es nicht nur „falsch“, sondern gefährlich ist
Manche Beziehungen sind nicht einfach unglücklich, sondern verletzend. Wenn ein Partner dich kontrolliert, bedroht, abwertet oder Gewalt anwendet, ist das kein Muster, das du allein bearbeiten musst. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar: 116 016. In akuter Gefahr wähle bitte sofort den Notruf 110.
Häufige Fragen
Bin ich schuld, wenn ich immer an die Falschen gerate?
Nein. Niemand ist schuld daran, verletzt zu werden. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verständnis: Wenn du erkennst, warum sich bestimmte Männer so vertraut anfühlen, kannst du bewusster entscheiden, wem du dein Vertrauen schenkst.
Warum finde ich nette Männer langweilig?
Möglicherweise, weil Ruhe für dich ungewohnt ist. Wenn Liebe für dich immer mit Aufregung, Unsicherheit oder Anstrengung verbunden war, kann sich ein verlässlicher Mann im ersten Moment nach „zu wenig“ anfühlen. Das heißt nicht, dass du dich zwingen musst. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Hilft es, einfach eine Weile single zu bleiben?
Eine Pause kann guttun. Sie verändert ein wiederkehrendes Muster jedoch nicht zwangsläufig. Du kannst die Zeit nutzen, um frühere Beziehungen und deine Bedürfnisse genauer anzuschauen.
Und jetzt mal ehrlich
Wenn du an deine letzten Beziehungen denkst: Waren es wirklich so verschiedene Männer? Oder war es immer dieselbe Rolle, die du gespielt hast?
Auf meiner Seite Beziehung & Trennung erfährst du, wie ich mit Frauen arbeite, die immer wieder in dieselben Beziehungsmuster geraten. Und in der Musteranalyse schauen wir gemeinsam, woher dein Typ eigentlich kommt.
